UNANTASTBAR

Geschrieben am 02.04.2025
von Joachim Heisel


Auf die Frage, welchen Gott meint das Grundgesetz in der Präambel? antwortete Professor Paul Kirchhoff in einem  Interview der Zeitung "Die Tagespost" vom 1.Dezember 2022:
Traditionell meint es den christlichen Gott. Aber: die ganze Verfassung ist darauf angelegt, dass dieser Staat weltanschaulich neutral ist, damit in diesem Staat, Menschen, aller Religionen, aber auch Menschen ohne Religion, in Frieden miteinander leben können. Das heisst nicht, dass dieser Staat erwartet, dass das Religiöse aus dem Leben der Menschen oder aus der Öffentlichkeit verschwindet. Es heißt ja, der Staat nimmt in den Fragen der Wahrheit nicht Stellung. Er hält sich offen, damit jeder seine Wahrheit suchen und finden kann, dass er jeden in seiner Subjektivität achtet und jedem eine Würde zuspricht. Das Grundgesetz beginnt mit dem großen Satz: "Die Würde des Menschen ist unantastbar". Und das ist eine Idee des Urchristentums. Wenn der Mensch die Möglichkeit der Gottesbegegnung hat, wenn er sich bemüht, diesem Ideal der Vollkommenheit näher zu kommen, ist das der radikalste der Freiheitssatz der Rechtsgeschichte. So etwas haben wir noch nicht gehabt und etwas Besseres werden wir auch nicht haben. Der Staat nutzt die Früchte, nicht den Baum. Jeder Mensch hat, weil er Mensch ist, eine Würde. Und das bedeutet auch ein Recht zur Freiheit, die Erwartung, gesellschaftlicher Anerkennung und sozialer Zugehörigkeit, auch wenn ich Fehler mache.

Paul Kirchhof ist Professor für öffentliches Recht und Steuerrecht und Staatsrechtler. Er war von 1987 bis 1999 Richter am Bundesverfassungsgericht

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Hinweis: Am Donnerstag 24.4.25 um 19 Uhr werde ich aus meinem Buch "Jahrgang 1945 - ein biografisches Zeitmosaik"  -  im Pfarrheim  St. Maria Thalkirchen, Fraunbergplatz 5 81379 München, vorlesen und anschliessend Bücher signieren.