Heute ist Aschermittwoch. Die Kirche hält ihre Priester an, uns Asche aufs Haupt zu streuen mit den uralten immer gültigen Worten aus dem Buch Genesis (3,19): „Staub bist Du und zum Staub kehrst Du zurück.“ Wir alle wissen das, aber jetzt wird es uns sinnlich bewusst.
Vor allem mit zunehmendem Alter können wir uns fragen: Was ist aus all den Menschen und Dingen geworden, denen wir im Laufe unseres Lebens begegnet sind.
Alle Melancholie kommt letztlich daher, dass wir unserer Sterblichkeit inne werden. Eines Tages auf einem Spaziergang sagte meine über achtzig Jahre alte Mutter unvermittelt zu mir: „Alles geht vorbei“. Die sonst immer lebensfrohe Frau sprach aus, was wir von Anfang an alle wissen und doch nie wahrhaben wollen. Sie sah jetzt, dass ihre Zeit nur noch begrenzt war.
Simone de Beauvoir schreibt am Ende ihrer Memoiren: „Voller Melancholie denke ich an all die Bücher, die ich gelesen, an all die Orte, die ich besucht habe, an das Wissen, das sich angehäuft hat und das nicht mehr da sein wird. Die ganze Musik, die ganze Malerei, die ganze Kultur, so viele Bindungen: plötzlich bleibt nichts mehr…Nichts wird stattgefunden haben. Ich sehe die Haselstrauchhecke vor mir, durch die der Wind fuhr, und höre die Versprechungen, mit denen ich mein Herz berauschte, als ich diese Goldmine zu meinen Füßen betrachtete, ein ganzes Leben, das vor mir lag. Sie wurden erfüllt. Aber wenn ich jetzt einen Blick auf dieses leichtgläubige junge Mädchen werfe, entdecke ich voller Bestürzung, wie sehr ich geprellt worden bin“.
Im Blick zurück schrumpfen Jahre zusammen und man weiß oft nicht mehr, was man all die Jahre getan hat. Ziele, die man sich vor Jahren gesteckt hatte, sind längst überholt von Zielen, die man bereits erreicht oder verfehlt hat. Menschen und Ereignisse verblassen, indem man sich selbst so verändert hat, dass sie keine Bedeutung mehr für uns haben. Von Freunden und Weggefährten bleiben nur einige Erinnerungen und Anekdoten. Man kann sich fragen, was die verbleibende Zeit noch für eine Bedeutung hat, wenn von der vergangenen so wenig übrig bleibt.
Vielleicht kann uns der Gedanke helfen, dass das Bisherige Vorbereitung für das Jetzt ist, und dass jeder Tag, jede Stunde und Minute in das ewige Jetzt Gottes gerettet und alles, was gut daran war, in die große Scheune des Lebens eingebracht ist.
Ein Trost kann auch sein, dass wir in unserem Gebet zu Gott auch jetzt noch die Menschen erreichen können, mit denen wir gelebt haben
Natürlich war nicht alles gut in unserem Leben, und wir spüren selbst, dass wir nicht allem und jedem gerecht geworden sind. Aber als Christen können wir darauf vertrauen, dass Gott mit Barmherzigkeit auf unser Leben blickt. Der heilige Johannes sagt in seinem ersten Brief: „Denn wenn das Herz uns auch verurteilt - Gott ist größer als unser Herz und er weiß alles.“ (1 Joh 3,20). Er weiß auch um die verborgenen Gründe in uns.
In seiner Enzyklika Spes Salvi über die Hoffnung (Kap. 47) drückt es der verstorbene Papst Benedikt XVI. so aus: Das Begegnen mit ihm (Christus) ist der entscheidende Akt des Gerichts. Vor seinem Anblick schmilzt alle Unwahrheit. Die Begegnung mit ihm ist es, die uns umbrennt und freibrennt zum Eigentlichen unserer selbst. Unsere Lebensbauten können sich dabei als leeres Stroh, als bloße Großtuerei erweisen und zusammenfallen. Aber in dem Schmerz dieser Begegnung, in der uns das Unreine und Kranke unseres Daseins offenbar wird, ist Rettung. Sein Blick, die Berührung seines Herzens heilt uns in einer gewiss schmerzlichen Verwandlung "wie durch Feuer hindurch". Aber es ist ein seliger Schmerz, in dem die heilige Macht seiner Liebe uns brennend durchdringt, so dass wir endlich ganz wir selber und dadurch ganz Gottes werden.
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