VERWEILE AUGENBLICK

Geschrieben am 21.02.2025
von Joachim Heisel


Wenn der Mensch in sein Inneres schaut, findet er keinen sicheren Grund für eine Hoffnung, die über den Tag oder gar den Tod hinaus trägt. Er erlebt sich als sterbliches Wesen, von Krankheit, Leid und Vergänglichkeit umlauert. Auch der Blick nach außen zeigt ihm, dass diese Welt begrenzt und vergänglich ist. Die Gesichter alter Menschen sind oft gezeichnet von den Spuren unerfüllter Hoffnungen. Es ist aber etwas im Menschen – dieses Verlangen nach einem Glück, das dauert, die Sehnsucht nach der Bergung des Augenblicks in der Ewigkeit –, das ihn frei nach Goethe sagen lässt: Verweile Augenblick, du bist so schön (Faust I). Die Werbung lebt davon, uns einen Augenblick Ewigkeit spüren zu lassen, etwa wenn wir ein bestimmtes Duschgel oder Parfüm benutzen oder wenn wir an einem bestimmten Ort den Urlaub verbringen sollen. Von Friedrich Nietzsche stammt das Wort: „Alle Lust will Ewigkeit, will tiefe tiefe Ewigkeit.“ – Es rührt an die Sehnsucht des Menschen nach dem Bleibenden, nach einer Freude, die bleibt.
 
Wir sollen uns in unserem Leben frohe Augenblicke schaffen, damit wir nicht vergessen, dass wir für die Freude bestimmt sind. Der christliche Sonntag soll uns daran erinnern. Die hl. Thérèse vom Kinde Jesu erzählt in ihrer Biografie, dass sie jedes Mal Traurigkeit befiel, wenn der Sonntagabend langsam zu Ende ging. - Ich kann mich erinnern, dass es mir als Kind ähnlich erging. Wenn der Abend kam und es dunkel wurde und ich nach dem Abendessen ins Bett gehen musste, wünschte ich mir, dass der Sonntag noch länger dauern würde. Der Sonntag war der Tag, an dem wir morgens früh zur Kirche gingen und ich danach mit meinen Eltern lange frühstücken konnte. Am Nachmittag machten wir einen schönen Spaziergang. Somit hatte der Sonntag für mich einen Geschmack von Seligkeit, und ich wünschte mir, dass er nicht zu Ende ginge. Vielleicht sollten wir uns wieder darauf besinnen, dass der Sonntag der „Tag des Herrn“ ist. Der christliche Sonntag ist der Tag der Auferstehung des Herrn und  der sinnbildlichen Ruhe Gottes am siebten Tag der Schöpfung. Er ist ein Tag des Innehaltens und der Besinnung des Menschen auf seinen Ursprung und sein Ziel in Gott.

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