In einem Interview mit der Zeitung "Die Tagespost" vom 1. Dezember 2022, wurde dem früheren Richter am Bundesverfassungsgericht Professor Dr. Paul Kirchhof die Frage gestellt, ob es einen freiheitlichen Staat ohne Religion geben könne und wie er die Zukunft der Kirche in der Gesellschaft sehe. Er antwortete:
Es kann einen Staat ohne Religion nicht geben. Das beweisen alle kulturgeschichtlichen Einsichten. Der Mensch denkt über seine eigene Existenz hinaus. Er sucht eine Antwort, die er allein durch Vernunft und Logik nicht finden kann. Er sucht deshalb eine Rechtsgemeinschaft, die ihm hilft, diese Fragen zu beantworten. Das ist die Wahrnehmung des Glaubens in der Religion, in der Gemeinschaft und dann in der Kirchlichkeit. Und wenn all das wegfiele, wenn wir nur ein System hätten, dass auf wirtschaftlichen Erfolg ausgerichtet ist, wenn wir nur ein System hätten, das Macht sammeln, verstärken und ausüben will, dann würde aus Freiheit Willkür. Und dagegen wehrt sich jeder freiheitlich denkende Mensch. Je höher die Kultur ist, desto dringlicher wird das Begehren nach Freiheit und damit nach Maßstäben, die dieser Freiheit in der Wahrnehmung einen subjektiven Inhalt geben.
Natürlich sind wir gegenwärtig hier in Europa und in Deutschland in einem gewissen Tief. Aber das zeigt auch, dass diese freiheitliche Gesellschaft nicht gelingen kann, wenn die freiheitsberechtigten Menschen nicht ihrerseits Maßstab, Ethos und Moral mitbringen, um diese Freiheit nicht zu Beliebigkeit und Willkür werden zu lassen. Und wenn wir dann fragen, wer ist die Quelle, wer ist der Vermittler für diese Prinzipien, dann haben wir natürlich die Familien, die Kirchen, vielleicht noch den Sport, der den Kindern Fitness und Fairness beibringt und die Universität mit ihrer Rationalität, aber mehr haben wir nicht. Deswegen bin ich der festen Überzeugung, dass die Menschen, die über das Gelingen ihres Lebens entscheiden, immer mehr das Bewusstsein empfinden, gerade auch in der gegenwärtigen Enttäuschung und Unsicherheit, dass sie Orientierungspunkte und Gewissheit sowie eine Vernunft brauchen, die das eigene Ego transzendiert.
Paul Kirchhof ist Professor für öffentliches Recht und Steuerrecht und Staatsrechtler. Er war von 1987 bis 1999 Richter am Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe.
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